Vor etwa 2 Jahren, im September 2015,  ist der niederländische Online-Kiosk Blendle in Deutschland gestartet. Leser können bei Blendle Zeitschriften, Zeitungen, aber auch einzelne Artikel aus Zeitungen oder Zeitschriften kaufen.

Die Leser lockt Blendle mit ein paar Bonbons, die er bei Online-Premium-Angeboten der Zeitungen in dieser Form nicht genießen kann. User bekommen ein Startguthaben von 2,50€ und können einen Artikel auch zurückgeben, wenn er ihnen nicht gefallen hat. Für 2,50€ können User sich 1-2 Tageszeitungen freischalten lassen und können Blendle risikofrei und kostenlos ausprobieren.

Blendle ist aber sogar noch ein bisschen großzügiger. Als wären es alte Stammkunden können auch neuregistrierte User ihr Konto überziehen, unabhängig vom Preis der Zeitschrift oder der Zeitung. Zumindest ein bisschen. Solange der User einen positiven Kontostand hat, kann er die nächste Publikation kaufen. Dass damit das Konto ins Minus gerät, darüber wird der User erstmal nicht aufgeklärt. Das merkt er ggf. nur dann, wenn er die nächste Publikation lesen möchte. Was passiert, wenn man das Konto nicht ausgleicht, verrät Blendle seinen Usern nicht. Die AGB verraten darüber jedenfalls nichts. Gibt Blendle seinen Usern hier ewigen Kredit? Davon könnte man durchaus ausgehen, schließlich werden keine Zahlungsfristen kommuniziert.

Der Neukunde bekommt also Kredit. Aber was passiert, wenn sich Freundin, Oma, Opa, Mutter, Vater, Kind 1, Kind 2, Kind 3 und Tante, Onkel, Großonkel bei Blendle anmelden. Auf dem gleichen Computer. Bekommen die dann auch alle 2,50€ Startguthaben und können Premium-Content auf Pump kaufen? Kann es sein, dass Blendle hier etwas zu großzügig ist und seinen Premium-Content nicht genug schützt?

Der Blendle Praxis-Test

Um herauszufinden, wie gut Blendle seine Inhalte schützt, habe ich zahlreiche Konten bei Blendle eingerichtet und Inhalte freigeschaltet.

  • Ich habe innerhalb einer Stunde 25 Userkonten angelegt
  • Alle Emails stammten von derselben Domain und waren durchnummeriert: (1@xyzbeispieldomain.de; 2@xyzbeispieldomain.de; etc.). Wer eine Domain besitzt, muss diese Email-Adressen nicht einrichten, sondern lediglich die „Catch all“ Funktion aktivieren. Dann wird einfach jede ausgedachte Email-Adresse an die Haupt-Email-Adresse weitergeleitet. Der Zeitaufwand für die Registrierung eines Blendle Kontos lag damit bei weniger als 20 Sekunden. (Ähnlich klein ist der Zeitaufwand, wenn man sein Blendle-Konto löscht und neu registriert.)
  • Als Name der User habe ich jeweils nur eine Nummer als Vorname und einen Buchstaben als Nachname angegeben
  • Alle Konten wurden auf demselben Laptop innerhalb derselben Browser-Session und mit derselben IP eingerichtet.

Ergebnisse

  • Jedes Konto hat 2,50€ Guthaben freigeschaltet bekommen
  • Mit jedem Konto konnte ich auch Inhalte freischalten, die mein verfügbares Guthaben überschritten haben.
  • Es gab keinerlei Warnhinweise, keinerlei Sperren.
  • Mit 25 Blendle-Accounts habe ich 42 Zeitungen, Zeitschriften oder Artikel freischalten können.
  • Diese Artikel hatten einen Gesamtwert von 140,12€
  • Ich wurde niemals darauf hingewiesen, ob ich das Konto nach Überziehung wieder ausgleichen muss.
  • Ich konnte die überzogenen Konten löschen. Mir wurde mir nicht mitgeteilt, dass ich die überzogenen Konten auszugleichen habe.
  • Als ich mich mit einer gelöschten Email nocheinmal bei Blendle registriert habe, wurden mir wiederum 2,50€ gutgeschrieben. Ich konnte auch das Konto wiederum überziehen.

Fazit

Ich kenne die Deals zwischen den Verlagen und Blendle nicht, weiß also nicht, wer die Zeche dafür zahlen muss, dass Blendle bei seiner „Payment-Wall“ die Tore so sperrangelweit offenstehen lässt. Zahlt Blendle jetzt Gebühren für die Artikel, die ich freigeschaltet habe? Oder erhalten Verlage nur „realisierten Umsatz“, sprich von Usern auch gezahlte Gebühren für die Artikel, Zeitungen oder Zeitschriften? Ich weiß es nicht.

Ich bezweifele allerdings, dass es für die Verlage Sinn macht, wenn ihre Premiuminhalte so einfach quasi kostenlos zu erhalten sind.

Vielleicht sollte hier der ein oder andere Verlagschef nochmal nachprüfen, ob die Vorgehensweise von Blendle im Sinne des Erfinders ist und ob er seine Zeitungen durch einen „unbemannten“ Kiosk „verkaufen“ lassen will.

 

Detailergebnisse – Liste der „gekauften“ Artikel, Zeitschriften und Zeitungen

KontoPreis in €Titel – ArtikelDatum der Ausgabe
13,99GQ13.07.2017
11,50Leipziger Volkszeitung18.07.2017
22,99PM Magazin14.07.2017
21,99Thüringische Landeszeitung18.07.2017
33,40Chip07.07.2017
31,50Mannheimer Morgen18.07.2017
42,99Eltern12.07.2017
41,50Hannoversche Allgemeine18.07.2017
53,99Nido16.06.2017
63,50Galore07.06.2017
71,99Gala13.07.2017
71,50Märkische Allgemeine18.07.2017
84,4911 Freunde22.07.2017
98,00NZZ Folio03.07.2017
100,99Express18.07.2017
106,99Capital22.06.2017
110,25Rheinische Post – Großaktionäre im Visier des EZB18.07.2017
110,25Rheinische Post – Merkel will den Braunkohle Ausstieg18.07.2017
114,99Bilanz30.06.2017
121,79Handelsblatt18.07.2017
124,40Neue Zürcher Zeitung18.07.2017
130,99Der Tagesspiegel18.07.2017
133,19Frankfurter Allgemeine – Sonntagszeitung16.07.2017
142,99Focus14.07.2017
153,99Wirtschaftswoche14.07.2017
162,99NEON10.07.2017
160,99Berliner Morgenpost18.07.2017
175,99GEO23.06.2017
1812,00Reportagen01.06.2017
193,99Eat Smarter21.06.2017
190,95Focus Gesundheit – Wie entsteht die Ärzteliste?19.06.2017
205,99interview17.05.2017
201,40Handelsblatt Magazin05.05.2017
212,99Zeit Magazin23.03.2017
226,99Cicero – die 500 wichtigsten Intellektuellen19.12.2016
230,59Die Zeit – Entzündete Seele13.07.2017
230,59Die Zeit – Wir retten hier Leben13.07.2017
230,59Die Zeit – Böser, böser deutscher Export13.07.2017
239,95journalist23.09.2016
241,99Süddeutsche Zeitung18.07.2017
242,99stern12.07.2017
254,99Der Spiegel15.07.2017
Gesamt140,12

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