Das Internet treibt seltsame Blüten, insbesondere, wenn es sich um unseriöse Marketingpraktiken handelt.  Einen ganzen Blumenstrauß davon hat bis vor einigen Tagen Benjamin Schardt auf diversen Webseiten angeboten.

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Laut XING Profil bietet Benjamin Schardt hauptsächlich Online-Marketing und Suchmaschinenoptimierung (SEO) mit Sitz in München an (https://onlinekunden.net). Dort preist Herr Schardt die eigenen Dienstleistungen unter Vorteile selbstbewusst an:

„Wir machen kein Marketing nach ‚Schema F‘“

„Unsere Zusammenarbeit basiert auf gegenseitigem Vertrauen.“

„Dank eigener Tests und regelmäßiger Teilnahme auf weiterbildenden Seminaren haben wir für Sie stets die neuesten Strategien und Werbeformen im Repertoire.“

„Wir stehen für den langfristigen Erfolg; das schließt natürlich nicht aus, dass wir auch in ihrem Online-Marketing-Prozess den einen oder anderen ‚Quick-Win‘ finden.“

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Als Referenzprojekte nennt Herr Schardt wartezimmeronline.com und einen selber produzierten Yoga-Kurs (wahrscheinlich mami-first.de), die nicht erwähnten Projekte sind aber die, bei denen man sich fragen kann, ob Herr Schardt nicht zumindest bei eigenen Projekten zu oft auf das „Schema F“, nämlich das „Schema Fake“ gesetzt hat. Die Zusammenarbeit mit seinen Online-Marketing oder SEO-Kunden basierte vielleicht auf gegenseitigem Vertrauen, das Vertrauen der Besucher diverser Webseiten wurde allerdings missbraucht und nicht nur ein Mal. Spezialität scheinen nur „eigene Tests“ zu sein, sondern in jüngster Vergangenheit auch Fake-Tests oder auch der ein oder andere Fake-Autor. Waren das auch Quick-Wins oder Beispiele für langfristigen Erfolg?

Fake Autoren

Die vielleicht kurioseste Seite von Benjamin Schardt fand sich auf frauen-befriedigen.com. Dort stellte sich auf der Startseite der angebliche Autor vor, Thomas, 34, hauptberuflich Ingenieur und nebenberuflich Sex-Coach.

Im Impressum wurde ein „Thomas Kempe“ aufgeführt, angeblich sei Benjamin Schardt der „Ausführende, wenn auch Verantwortlich im Sinne des Telemediengesetzes.

Das Bild auf der Startseite zeigte allerdings keinen „Thomas Kempe“, der auf dem Photo Abgebildete ist auch nicht Sex-Coach, das Bild stammt von der Bilderplattform „Pixabay“ und ist ein kostenloses Stockphoto. Der Herr, der auf der Webseite von Herrn Schardt als „optisch nicht gerade ein Hingucker“ bezeichnet wird ist aber nicht nur ein namenloses Stockphoto Modell, sondern Simon Steinberger, einer der Gründer von Pixabay. Simon Steinberger und Hans Braxmeier haben viele Photos von sich selber zur kostenlosen Verwendung komplett freigegeben und tauchen deshalb unerkannt auf vielen Webseiten auf. Auch wenn die Verwendung, selbst ohne Quellenangabe, kostenlos ist und hier auch eine „Model Release“ vorliegt, sollten User nicht durch einen Fake-Autor in die Irre geführt werden.

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Auf der Seite https://goodsuperfood.net/ueber-uns/ wurde neben Herrn S. die Autorin „Melanie Z.“ aufgeführt.

Im Impressum der Seite werden Benjamin Schardt und eine „Melanie Zacheres“ als Autoren aufgeführt.

Aber auch in diesem Fall ist die Autorinnendarstellung Fake, das verwendete Photo ein Bild aus einer Bilderdatenbank (siehe z.B. depositphotos.com). Ansonsten findet man von der angeblichen Frau Zacheres auf die „ihren“ Twitter-Account, ebenfalls mit Fake-Photo (3 Tweets, 4 Follower, letzte Aktivität ein „Retweet“ eines Beitrags von Benjamin Schardt von 2014) und ihren Facebook Account, ebenfalls mit Fake-Photo. Auf Facebook hat „sie“ nur 5 „Freunde“, einer davon ein leeres Profil mit dem Namen „Benjamin Schardt“. Einzige Freundin dieses Profils: die angebliche Melanie Zacheres mit dem Fake-Profil Photo. Sie tritt als „Gastautorin“ für goodsuperfood.net, auf anderen Nischenblogs auf, bewertet (wieder mit Fake-Photo) auf https://www.webwiki.de/mami-first.de das Yoga-Projekt von Benjamin Schardt, kommentiert auf einem anderen Blog (wieder mit Fake-Photo), verlinkt ist ihr Name mit reisekoffer-test.info, ebenfalls ein Projekt von Benjamin Schardt. Eine eigene Webpräsenz oder echte Social Media Profile von Frau Zacheres findet man hingegen nicht.

Dasselbe Stockphoto verwendete Herr Schardt auch für die angebliche Autorin seiner Seite aquarium-komplettset.com, „Melanie Biebach“. Die angebliche „Frau Biebach“ ist noch weniger im Netz vertreten als „Frau Zacheres“, früher wurde sie allerdings von Benjamin Schardt auch noch auf anderen Seiten eingesetzt, z.B. auf der Seite wasserkocheredelstahl.net. Dort hat Frau „Biebach“ Wasserkocher angeblich „getestet“ und „schonungslos bewertet“, wie man in dieser Archivaufnahme von archive.org aus dem April 2016 sieht und schonungslos. Schonungslos wurden hier allerdings nur die Kunden an der Nase herumfgeführt, wirklich getestet wurde nicht.

„Experten testen nicht“ – Die Ex-Fake-Testseiten von Benjamin Schardt

Denn während es im Jahr 2016 im oberen Seitenbereich noch hieß:

„Wir haben alle aktuellen Wasserkocher aus Edelstahl für Sie getestet und für Sie schonunglos bewertet. Unsere Testsieger ersparen Ihnen ärgerliche Fehlkäufe.“

fehlen dieser und andere Hinweise auf angebliche Tests nun auf der Webseite. wasserkocheredelstahl.net war früher augenscheinlich also nichts anderes als eine Fake-Testseite.

Ebenfalls kein Einzelfall. Die Archive von archive.org zeigen, dass weitere Seiten von Benjamin Schardt früher Fake-Testseiten waren:

Auf werkzeugkoffertest.info hieß es früher (siehe archive.org):

„Wir testen in regelmäßigen Abständen die neuesten Modelle der Werkzeugkoffer unabhängig und transparent. „

Aktuell steht dort stattdessen:

„Wir recherchieren in regelmäßigen Abständen die neuesten Modelle der Werkzeugkoffer unabhängig und transparent.“

Auf hair-guide.net/glaetteisen-test  (siehe archive.org) schrieb man noch im Oktober 2016:

„Unser Glätteisen Test zeigt dir zudem, welches Gerät für deine Haare optimal ist. Let’s go!“

Heutzutage will Herr Schardt dort von einem eigenen Test scheinbar nichts mehr wissen, der Satz wurde umformuliert zu:

„Die Glätteisen Tests anderer Portale und Kundenmeinungen zeigen dir, welches Gerät für deine Haare optimal ist. Let’s go!“

Auf der Webseite business-trolley.net (siehe archive.org) wurden noch im Dezember 2016 in dieser Tabelle angeblich alle Testsieger aufgeführt, heutzutage findet man das Wort „Testsieger“ dort nicht mehr.

Auf reisekoffertest.info behauptete man in einem Artikel mit der Bezeichnung „Testbericht“ (siehe archive.org):

„Der U-lite Weischalentrolley aus dem Hause Delsey gehört zu den wenigen Koffern mit weicher Schale, die uns im Test überzeugen konnten. “ 

Jetzt heißt es auf derselben Seite, die jetzt Produktbericht genannt wird:

„Der U-lite Weischalentrolley aus dem Hause Delsey gehört zu den wenigen Koffern mit weicher Schale, die uns im Vergleich überzeugen konnten.“

Auf einer weiteren Reisegepäck-Fake-Testseite, koffersets.info schrieb man Anfang Januar (siehe archive.org):

„Im Test konnten sie relativ viel aushalten, nur die Pflastersteine sollte man dann doch lieber meiden.“

Heute steht dort:

„Im Test einiger Verbraucherportale konnten sie relativ viel aushalten, nur die Pflastersteine sollte man dann doch lieber meiden.“

Auch die Seite hartschalenkoffer-test.com konnte man früher getrost in die Kategorie „Fake-Test“ einordnen. Auch hier war wieder früher „Frau Biebach“ im Einsatz, gleich auf der Startseite proklomierte Herr Schardt (siehe archive.org)

„Herzlich willkommen auf dem ersten Testportal, welches sich ganz nach dem Motto ‘Nur die Harten kommen in den Garten‘, den Hartschalenkoffern verschrieben hat. Hier erhalten Sie alle Informationen und unabhängige Testberichte zu über 50 verschiedenen Modellen, damit Sie sich Ihr eigenes Bild zur aktuellen Kofferlandschaft machen können.“

Von den angeblichen Tests ist heute natürlich keine Rede mehr:

Herzlich willkommen auf dem ersten Vergleichsportal, welches sich ganz nach dem Motto ‚Nur die Harten kommen in den Garten‚, also den Hartschalenkoffern verschrieben hat. Hier erhalten Sie alle Informationen, unabhängig zusammengefasste Testberichte von externen Testportalen sowie akkumulierte Kundenrezensionen zu über 50 verschiedenen Modellen, damit Sie sich Ihr eigenes Bild zur aktuellen Kofferlandschaft machen können.“

Auf der Seite reisekoffer-test.info finden sich Ende 2016 (siehe archive.org) im Header die Angabe „Angebote, Vergleiche, Testberichte“, auch einen eigenen Navigationspunkt „Testberichte“ gibt es. Ebenfalls auf der Startseite führt man die „Unsere Top10 aller getesteten Reisekoffer“ auf, man behauptet wiederum

„Mit unseren persönlichen Testergebnissen sowie den Erfahrungen unzähliger Kunden stellen wir sicher, dass Ihnen Fehleinkäufe erspart bleiben und Sie Ihren Wunschkoffer zum bestmöglichen Preis erhalten.“

Weit unten auf der Seite fanden sich drei Koffer im Footer, die als „Testsieger“ bezeichnet wurden.

Aktuell findet sich das Wort Testberichte nicht mehr im Header, dort heißt es nun „mit uns finden Sie das ideale Gepäckstück“. Aus „Unsere Top10 aller getesteten Reisekoffer“ wurde „Die Top10 aller Reisekoffer“. „Unsere persönlichen Testergebnisse“ sind ebenfalls verschwunden, der Satz wurde umformuliert zu:

„Auf der Grundlage diver Testberichte einschläger Testportale sowie den Erfahrungen unzähliger Kunden stellen wir mit unseren Zusammenfassungen sicher, dass Ihnen Fehleinkäufe erspart bleiben und Sie Ihren Wunschkoffer zum bestmöglichen Preis erhalten.“

Die angeblichen „Testsieger“ im Footer werden jetzt „Empfehlung“ genannt.

Auf der Archivseite fallen einem aber nicht nur die diversen Änderungen auf, Herr Schardt führte dort auch mehrere Logos von Nachrichtenseiten auf und behauptete, dass die Seite „bekannt aus Süddeutsche Zeitung, n-tv, Merkur, N24“ sei. Dieser Hinweis ist zwar heute verschwunden, die Behauptung war aber keineswegs erfunden.

Fake-Testseite bei dpa und in der Presse

Benajmin Schardt tauchte nämlich mit seiner Seite reisekoffer-test.info 2016 in der Tat auf einer Vielzahl von Nachrichtenseiten auf, z.B. auf

rp-online.de (21.07.2016)

„Mittlerweile unterscheiden sich die Arten kaum in Gewicht und Preis“, weiß Benjamin Schardt von der Ratgeber-Webseite www.reisekoffer-test.info und quasi-professioneller Koffer-Tester.

focus.de (28.07.2016)

„Das hängt davon ab, ob Sie lieber fliegen oder mit dem Auto unterwegs sind, sagt Benjamin Schardt von der Ratgeber-Webseite reisekoffer-test.info.“

n-tv.de (29.07.2016)

„Das weiß Benjamin Schardt von der Ratgeber-Webseite reisekoffer-test.info und quasi-professioneller Koffer-Tester.“

impulse.de (21.07.2016)

„Mittlerweile unterscheiden sich die Arten kaum in Gewicht und Preis“, weiß Benjamin Schardt von der Ratgeber-Webseite Reisekoffer-test.info und quasi-professioneller Koffer-Tester.“

fnp.de (28.07.2016)
„Mittlerweile unterscheiden sich die Arten kaum in Gewicht und Preis”. Das weiß Benjamin Schardt von der Ratgeber-Webseite www.reisekoffer-test.info und quasi-professioneller Koffer-Tester.“
Die ursprüngliche Quelle für diese Artikel war die dpa, die der Fake-Testseite und Herrn Schardt auf den Leim gegangen ist, wie man auch hier bei sueddeutsche.de sieht: „Direkt aus dem dpa-Newskanal“. Leider war das Thema Fake-Testseiten in 2016 außerhalb der Fake-Test-Szene scheinbar fast noch vollkommen unbekannt und leider sind auch viele seriöse Seiten auf die „Berichterstattungen“ solcher Fake-Testseiten hereingefallen.

Früher Fake-Testseiten, dann Schleichwerbeportale

Nachdem die Ex-Faketestseiten in Vergleichsseiten umgewandelt wurden, wurden sie allerdings als Schleichwerbeportale weitergeführt. Eine deutliche Kennzeichnung der Artikel als Anzeigen, bzw. Werbung fehlte bis vor wenigen Tagen. Das ist leider bei vielen angeblicher „Test- oder Vergleichsportale“ der Fall, Hinweise, dass die Webseiten vornehmlich einen werbenden Charakter haben und Werbepartner von Online-Shops sind, fehlen oder sind verklausuliert oder versteckt.

Fake-Testimonials

Zu den „Kompetenzen“ von Herrn Schardt gehören allerdings nicht nur Fake-Autoren, Fake-Tests, Fake-Tests von Fake-Autoren, sondern auch Fake-Testimonials.

Auf seiner Seite online-neukundensystem.de (siehe Webarchiv archive.is) wurden bis vor wenigen Tagen Testimonials von zwei angeblichen Kunden gezeigt, M. Köhler, Physiotherapeut und K. Sedlacek, Friseuse aus Berlin. Die Bilder der Kunden waren allerdings lediglich Stockphotos, zeigten also keine echten Kunden. Herrn „Köhler“ findet man z.B. hier bei 123rf.com, das Bild von Frau Sedlacek verwendete Herr Schardt ebenfalls noch bis vor wenigen Tagen für seine angebliche Co-Autorin „Sandra Moelders“ (siehe archive.org), deren Darstellung man auch noch in der Rubrik „Fake-Autorinnen“ auflisten könnte.

Bitte um Stellungnahme an Benjamin Schardt und Reaktionen

Ich habe Herrn Schardt vor 3 Tagen am 01.11.2017 gebeten, zu den Fakes und der Schleichwerbung auf den ehemaligen Fake-Testseiten Stellung zu nehmen. Herr Schardt hat sich zwar gemeldet, war aber zu einer offiziellen Stellungnahme nicht bereit.

In Folge meiner Anfrage wurden aber auf den oben angesprochenen Seiten diverse Änderungen vorgenommen, bzw. Inhalte gelöscht. Auf der Seite „frauen-befriedigen.com“ wurden erst alle Inhalte gelöscht, dann wurde die Domain von Herrn Schardt gekündigt und damit ganz aufgegeben.

Die Fake-Testimonials wurden ebenso gelöscht, die Fake-Bilder der „Autorinnen“ auf den eigenen Seiten entfernt. Teilweise werden die angeblichen Autorinnen noch auf den Webseiten genannt, teilweise (z.B. auf aquarium-komplettset.com) entfernt. Richtig konsequent war Herr Schardt (aus welchen Gründen auch immer) beim Löschen der Fakes aber nicht. Das Twitter Profil von „Melanie Zacheres“ hat nicht nur ein Fake-Profilbild, sondern ist ein kompletter Fake-Account, dafür spricht auch die bei der Registrierung dieses Twitter-Kontos verwendete Email [email protected] Thomas? Ja richtig, Thomas, der Fake-Thomas von frauen-befriedigen.com, „dessen“ gleichlautende Email-Adresse man nämlich auch in einem „Ebook“ auf frauen-befriedigen.com gefunden hat, das derzeit noch im Google-Cache verfügbar ist.

Teilweise wurden Hinweise auf Werbung ergänzt. Deutlich sichtbar, wie vorgeschrieben, ist das in meinen Augen nicht.  Ein „wegklickbares“ Overlay, in dem normalerweise die User auf Cookies hingewiesen werden, wie auf reisekoffertest.info, halte ich für keine ordentliche Werbekennzeichnung. Zum einen ist sie nicht deutlich, zum anderen erscheint sie nicht mehr, wenn der User sie ein Mal weggeklickt hat.

Fazit

Der vorliegende Fall zeigt leider wieder einmal, wie unbedarft und unseriös viele kleine Anbieter im Online-Marketing Bereich vorgehen. Er zeigt auch, wie sehr Kunden aufpassen müssen, damit sie nicht auf unseriöse Informationsangebote, Vermarkter oder Werbepartner von Shops hereinfallen, wenn sie eigentlich unabhängige Informationen wollen. Die Gefahr lauert, wie wir sehen, nicht nur auf kleinen Nischenseiten, sondern auch auf großen Nachrichtenseiten, auf die solche Anbieter immer mal wieder „herüberschwappen“.

Der vorliegende Fall zeigt aber auch, dass man einfach die Seiten wieder verlassen sollte, wenn Webseiten angeblich neutrale Vergleiche auflisten, vielleicht sogar „Vergleichssieger“, sich auf jeder Unterseite aber Links zu amazon oder anderen Webshops befinden. Die Links sind nämlich in der Regel Werbelinks, für jeden User, der unmittelbar nach der Weiterleitung etwas verkauft, wird die sich unabhängig gebende Vergleichsseite vergütet. Zwar nur im Erfolgsfall, aber sie wird vergütet. Die angeblich unabhängigen Berichte, wie sich auch immer genannt werden, sind damit aber nichts anderes als mehr oder weniger werbliche Werbetexte.

 

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