Beim Sichten von Screenshots aus dem letzten Jahr bin ich gestern noch auf eine „ältere“ Geschichte aus dem November letzten Jahres gestoßen. Trotz des „Alters“ möchte ich jetzt aber doch noch darüber schreiben, weil mir erst letzte Woche wieder ein Video von Tilo Jung von „Jung & Naiv“ begegnet ist. Ich möchte auch darüber schreiben, weil es mir immer wieder auffällt, dass kritische Kommentare oder kritische Fragen auf Facebook von Seitenbetreibern gelöscht oder versteckt werden. Das betrifft vor allem Unternehmen, aber manchmal auch Medienmacher, wie im folgenden Fall.

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Eigentlich ist die Geschichte auch noch älter als 2015, da es auch um ein Video von Tilo Jung aus dem Juni 2014 geht, aber manchmal muss man aus den genannten Gründen auch ältere Geschichten loswerden.

Tilo Jung interviewte in 2014 den Journalist Glenn Greenwald, das Thema des Interviews: der Überwachungsskandal der USA. Als „schicke Location“ hat man sich bei „Jung & Naiv“ für das Holocaust Mahnmal der ermordeten Juden entschieden, direkt neben der US-amerikanischen Botschaft gelegen.

Ich habe dieses Video erst wahrgenommen, als Tilo Jung einen Artikel über das Interview nochmal bei Facebook teilte:

„Wahnsinns-Artikel über unsere Arbeit im führenden US-Portal „Nieman Journalism Lab“ von der Harvard-Universität. Wow.“

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Als ich das Bild, den Artikel und das Video gesehen hatte, habe ich allerdings nicht als erstes „Wow“ gedacht. Denn das Interview wurde auf dem Gelände des Holocaust Mahnmals für die ermordeten Juden geführt. Und was die Kulisse des Holocaust Mahnmals mit dem NSA-Skandal zu tun hatte, habe ich nicht verstanden. Vielleicht einfach deshalb, weil es keinen Zusammenhang gab. Vielmehr, so meine Einschätzung, wollte man einfach bei einigen Einstellungen die US-Botschaft im Hintergrund haben und weder 45 Minuten auf dem Bürgersteig stehen, noch eine Couch durch Berlin-Mitte schleppen. Und schließlich biete das Holocaust Mahnmal beides: eine gute Sicht auf die Botschaft und hervorragende Sitzgelegenheiten, um während des Interviews ganz lässig die Beine baumeln zu lassen.

Vielleicht bin ich in der Hinsicht ja etwas zu konservativ, wenn ich denke, dass man die Regeln eines Mahnmals aus Respekt befolgt. Eines Mahnmals, das an den Mord von Millionen Menschen während der NS-Zeit erinnert.  Und vielleicht bin ich zu konservativ, wenn ich das zumindest von einem deutschen Journalisten erwarte. Aber ich fand und finde es nicht richtig, das Mahnmal als belanglose Interviewcouch zu benutzen.

Das habe ich auch mit einem Kommentar auf dem Facebook Profil von Tilo Jung deutlich gemacht, mit dem ich auf Facebook damals noch „befreundet“ war . Da Tilo Jung in der Bundespressekonferenz selber kein Blatt vor den Mund nimmt und ganz frei heraus fragt, auch ironisch, habe ich es mit Ironie versucht.

Aber Tilo Jung wollte scheinbar nicht darauf eingehen und hat meine Kommentare gelöscht. Ebenso wurden meine Kommentare auf der Facebook Seite von „Jung & Naiv“ unter einem ähnlich lautenden Beitrag über den Artikel beim Nieman Lab gelöscht.

Ich hätte vieles von einem Journalisten erwartet, der sich bei den Sprechern der Bundesregierung in der Bundespressekonferenz beharrlich durchfragt, aber ehrlich gesagt nicht, dass kritische Kommentare einfach gelöscht werden.

Ja, meine Kommentare waren ironisch, sarkastisch und bissig, aber angesichts seines Drehortes nicht unangemessen und auch nicht beleidigend. Und ja, Tilo Jung oder „Jung & Naiv“ hätten auf meine Kommentare auch gar nicht eingehen müssen. Aber warum wurden sie gelöscht?

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Da meine Kommentare durch Tilo Jung und „Jung & Naiv“ nicht nur entfernt wurden, sondern mein Facebook Profil von ihm auch geblockt wurde und ich ebenfalls für Kommentare auf der Facebook Seite von „Jung & Naiv“ für weitere Kommentare geblockt wurde, habe ich dann nochmal versucht, via Twitter mit ihm zu kommunizieren.

Und wieder wurde ich überrascht. Diesmal allerdings nicht durch Nichtbeachtung und Löschen, sondern von seinem Twitter Post.

tilo_jung_holocaust_mahnmal_post_tilo_jung_twitter

Wie würde Tilo Jung reagieren, wenn das die Antwort des Regierungssprechers Steffen Seibert wäre?

„Lieber Herr Jung, Sie trollen. #DealwithIt.“

Ich war einige Zeit begeisterter Zuschauer von „Jung & Naiv“, eben weil Tilo Jung immer beharrlich nachgefragt hat, manchmal bis zur Fremdschämgrenze, manchmal darüber hinaus. Manchmal hat man sich für die Antworten geschämt, manchmal für seine Fragen, manchmal für beides. Aber er hat die Bundespressekonferenz einem anderen Publikum in einem neuen Format zugänglich gemacht und viele Leute neu dafür interessiert. Ich habe die Seite und Posts geliked, Videos geteilt. Ich war ein guter Fan, ein guter, braver Zuschauer. Dass ich in dem Moment, in dem ich kritisiere, gelöscht werde und zur digitalen persona non grata ernannt werde, finde ich ehrlich gesagt nicht „jung & naiv“ sondern „schade & bedenklich“. Und wieviele User wurden insgesamt von Jung & Naiv gesperrt, wieviele kritische Kommentare gelöscht? Wie erfolgt da die Auswahl? Wieviel Kritik, Ironie und Sarkasmus lässt Tilo Jung zu?

Um noch eine andere Meinung zu hören (vielleicht war ich ja einfach zu konservativ), hatte ich damals auch die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas um eine Stellungnahme gebeten. Die damalige Pressesprecherin antwortete auch recht schnell:

„Soweit ich es nachvollziehen konnte, liegt uns zu dem Dreh keine Anfrage vor und der Redaktion somit von uns keine Drehgenehmigung. Foto- und Filmaufnahmen bedürfen einer vorherigen schriftlichen Zustimmung der Stiftung. So steht es auch in unserer Besucherordnung: http://www.stiftung-denkmal.de/besuch/wichtige-hinweise/besucherordnung-stelenfeld.html

Vermutlich hätten wir den Dreh nicht genehmigt, da das Interview keinerlei Bezug zum Ort und Thema hat (z. B. Holocaust, NS, Architektur, Stadtgeschichte o. Ä.). Für mich persönlich sind Ton und Anmutung des Interviews zu locker und unpassend am zentralen Erinnerungsort für die ermordeten Juden Europas.“

 

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7 Responses

  1. Stefan

    Hi Daniel,

    ich verstehe ehrlich gesagt das Problem nicht. Der Architekt Peter Eisenmann hat die Nutzung für solche Zwecke erwartet und sogar gewünscht.

    http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/interview-mit-mahnmal-architekt-peter-eisenman-es-ist-kein-heiliger-ort-a-355383.html

    Zitat aus dem Interview mit dem Architekten:
    „Eisenman: Wäre das denn so schlecht? Ich war von Anfang an gegen den Graffitischutz. Wenn ein Hakenkreuz darauf gesprüht wird, dann ist es ein Abbild dessen, was die Menschen fühlen. Wenn es dort bleibt, ist es ein Abbild dessen, was die Regierung davon hält, dass Menschen Hakenkreuze auf das Mahnmal schmieren. Das ist etwas, das ich nicht steuern kann. Wenn man dem Auftraggeber das Projekt übergibt, dann macht er damit, was er will – es gehört ihm, er verfügt über die Arbeit. Wenn man morgen die Steine umwerfen möchte, mal ehrlich, dann ist es in Ordnung. Menschen werden im dem Feld picknicken. Kinder werden in dem Feld Fangen spielen. Es wird Mannequins geben, die hier posieren, und es werden hier Filme gedreht werden. Ich kann mir gut vorstellen, wie eine Schießerei zwischen Spionen in dem Feld endet. Es ist kein heiliger Ort.“

    • Daniel

      Hallo Stefan,
      natürlich ist das meine persönliche Meinung, aber man muss schon unterscheiden zwischen einem privaten Besuch des Mahnmals und gewerblicher Nutzung durch einen Dreh. Die Stiftung hat Hausrecht und so ein Dreh bedarf einer Drehgenehmigung.

      Die Stiftung selber hätte die nach eigener Auskunft nicht erteilt, schon allein deshalb, weil es beim Dreh nicht um das Mahnmal geht. Insofern wurden die Stelen hier zur Couch degradiert, da greift dann auch nicht mehr das Zitat von Herrn Eiseman.

      Zudem geht es mir im Artikel vor allem darum, wie Tilo Jung hier auf Kritik reagiert hat: er antwortet nicht auf die Frage, löscht die und blockiert mich auf der Jung & Naiv Facebook Seite.

  2. Danny

    daniel-caballero.de/ex-zurueckgewinnen/
    daniel-caballero.de/liebeskummer-ueberwinden/

    Facebook Fakes oder irre ich mich da sehe sie in letzter Zeit ziemlich häufig vorallem bei den Caballero „Millionären“ Brüdern:D

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